Skip to main content

Suche

Patienten in den Mittelpunkt – für ein besseres Gesundheitswesen

Patienten in den Mittelpunkt – für ein besseres Gesundheitswesen

„Im Zentrum unserer Gesundheitspolitik stehen Patientinnen und Patienten“, so titelt der Koalitionsvertrag der Bundesregierung. Auch die gesetzlichen Krankenkassen wollen die Rechte von Patienten stärken. In der Pharmabranche gewinnt die Patientenzentrierung immer höhere Aufmerksamkeit. Handelt es sich um einen echten Paradigmenwechsel oder haben wir es mit Marketingfloskeln zu tun? Dr. Iris Zemzoum, Ärztin und Vorsitzende der Geschäftsführung von Janssen Deutschland, fordert eine stärkere Rolle für Patienten im Gesundheitssystem. Im Interview erklärt sie, warum.

 

Frau Dr. Zemzoum, brauchen wir eine stärkere Orientierung am Patienten?

Dr. Iris Zemzoum: Unbedingt. Wer medizinischen Fortschritt will, muss sich mit den individuellen Bedürfnissen der Patienten befassen. In unserem Gesundheitssystem ist zwar viel von Patientenzentrierung die Rede, die Realität sieht aber noch anders aus. Ich bin davon überzeugt, dass das erlebte Wissen der Patienten genauso wichtig ist wie das gelernte Wissen der Experten. Wir müssen konsequent vom Patienten aus denken. Er ist die Hauptperson. Wir müssen den Menschen mit seiner Erkrankung von Anfang an in den Diagnose- und Therapieprozess einbeziehen. Und mit „Wir“ meine ich alle an der Versorgung Beteiligten. 

„Wir müssen mit dem Patienten reden – und ihm zuhören.“

 

Den Patienten einbeziehen – Wie stellen Sie sich das konkret vor?

Es ist zum Beispiel schon viel gewonnen, wenn man dem Patienten intensiver zuhört, ihn ernst nimmt und die richtigen Schlüsse für unser Versorgungssystem zieht. Wir bei Janssen schauen uns die konkrete Versorgungssituation an. Wir treten mit Patienten in Kontakt - beispielsweise über Patientenverbände – und lassen uns schildern, was ihnen fehlt und was ihnen helfen würde. Wir binden Patienten von der Entwicklung eines Arzneimittels bis zur Umsetzung therapiebegleitender Programme ein. Auch an der Planung und Umsetzung konkreter Ideen und Maßnahmen beteiligen wir Patienten möglichst frühzeitig. Dazu führen wir Forscher, Ärzte und Patienten zusammen. Denn nur so können wir unsere Medikamente ständig weiterentwickeln und Innovationen erreichen, die Patienten dringen brauchen. 

 

Als Vorstandsmitglied im Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa) setzen Sie sich ebenfalls für Patientenzentrierung ein. Warum ist Ihnen dieses Thema so wichtig?

Ich bin Ärztin. Und aus meiner Erfahrung als Ärztin weiß ich: Wenn wir alle – Gesundheitspolitiker, Krankenkassen, Ärzte, Kliniken und pharmazeutische Unternehmen – die Patienten-Perspektive einnehmen, können wir die medizinische Versorgung in Deutschland entscheidend verbessern. Dafür müssen wir verstehen, was in der Gesundheitsversorgung heute bereits gut läuft und was nicht. Der enge Austausch mit Patienten und Patientenorganisationen hilft uns, sicherzustellen, dass unsere Medikamente und therapiebegleitenden Angebote den größtmöglichen Nutzen stiften – vor allem im Sinne von mehr Lebensqualität. Das Wissen hierfür aus erster Hand zu nutzen, ist effizient und spart Zeit und Geld. Pharmaökonomische Untersuchungen belegen, dass moderne Therapien die sozialen Sicherungssysteme entlasten, weil Folgetherapien vermieden werden oder die Arbeitsfähigkeit von Patienten erhalten oder wieder hergestellt wird.

 

Was müsste sich aus Ihrer Sicht gesundheitspolitisch verändern?

Um ein Beispiel zu nennen: Patientenorganisationen haben derzeit keinen Zugang zu medizinisch-wissenschaftlichen Informationen oder zu Fachkongressen. Die Patientenvertreter fordern das schon lange und zu Recht, wie ich finde. Ihnen Zugang zu diesen Informationen zu verschaffen, wäre ein wesentlicher Schritt, ihren Status als gleichberechtigte Dialogpartner im Gesundheitssystem anzuerkennen. Ein weiterer lohnender Ansatzpunkt wäre, das Arzt-Patienten-Verhältnis zu stärken.

„Ein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis ist die Grundvoraussetzung für den Therapieerfolg.“

 

Wie sollte das Ihrer Meinung nach geschehen?

Indem man die persönliche Beratungsleistung honoriert. Was vielen nicht bewusst ist: Ärzte können ihre Beratungszeit nicht gesondert abrechnen! Das muss sich ändern. Der Arzt ist für Patienten der wichtigste Ansprechpartner in individuellen Gesundheitsfragen. Ein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis ist die Grundvoraussetzung für den Therapieerfolg. Wer seinem Arzt vertraut, sich von ihm verstanden und ausreichend informiert fühlt, nimmt dessen therapeutische Empfehlungen eher an und wendet sich mit Fragen oder Problemen gerne an ihn. Leider wird bis heute die ‚sprechende Medizin‘ viel weniger honoriert als die ‚Apparatemedizin‘. Dass das ein Fehler ist, bestätigt auch eine kürzlich veröffentlichte forsa-Umfrage: Über zwei Drittel der Ärzte geben an, dass sie sich mehr Zeit wünschen, um sich mit den Patienten austauschen zu können. 71 Prozent wünschen sich laut unserer Umfrage eine gesonderte Vergütung für Beratungsgespräche mit dem Patienten. Hier sehe ich Handlungsbedarf.

 

Inwiefern spielt Patientenzentrierung in Ihrer täglichen Arbeit bei Janssen eine Rolle?

Die Bedürfnisse des Patienten in den Mittelpunkt zu stellen ist unsere Haltung und Teil unserer DNA. Unser Firmengründer, Dr. Paul Janssen, hatte eine Vision: Er wollte neue, wirksame Medikamente für Patienten entwickeln, die sie dringend benötigten. Er war ein genialer Wissenschaftler und hat durch seine Forschung zum Beispiel die Therapie und das Leben psychisch Erkrankter bahnbrechend verändert: Ihm ist es zu verdanken, dass psychisch kranke Menschen nicht mehr in Zwangsjacken fixiert werden mussten. Wir sind sehr stolz auf dieses Erbe. In seiner Tradition arbeiten wir als Teil des weltweiten Gesundheitskonzerns Johnson & Johnson bis heute: Wir wollen Menschen ein Leben ermöglichen, das so wenig wie möglich durch Krankheit eingeschränkt ist. Eine HIV-Diagnose beispielsweise war bis vor einigen Jahren noch ein Todesurteil. Heute können HIV-Patienten dank pharmazeutischer Forschung mit wenigen Tabletten pro Tag Jahrzehnte lang nahezu beschwerdefrei mit ihrer Erkrankung leben. Es gibt viele solcher Beispiele. Patientenzentrierung ist aber nicht nur das Herz unserer Unternehmenskultur, sondern auch fest in unseren Abläufen verankert. Wir tauschen kontinuierlich unser Wissen mit Patientenverbänden, Selbsthilfeorganisationen und Angehörigenverbänden aus und lernen so fortwährend voneinander. Dabei legen wir größten Wert auf ein vertrauensvolles, partnerschaftliches Miteinander und Transparenz. Patientenorganisationen sollen neutral und unabhängig bleiben.

„Angebote, die sich ganz konkret am Bedarf der Patienten orientieren, nützen allen Beteiligten.“

 

Was tun Sie ganz konkret?

Als eines der ersten Unternehmen überhaupt hat Janssen bereits vor Jahren die Position einer Patientenbeauftragten geschaffen. Die Kollegin steht kontinuierlich im Kontakt mit Patienten und ihren Vertretern. Wir haben darüber hinaus Teams aufgestellt, die daran arbeiten, noch bessere Therapieergebnisse im Alltag der Patienten zu erreichen. Dazu analysieren sie den gesamten Versorgungsweg, von der Prävention über die Diagnose und Behandlung bis zu Rehabilitationsmaßnahmen. Wenn wir Barrieren oder Versorgungslücken entdecken, entwickeln wir gemeinsam mit Ärzten, Patienten, Pflegekräften, Wissenschaftlern oder Krankenkassen Unterstützungsprogramme für den Therapiealltag – über unsere Medikamente hinaus.

 

Was sind das für Unterstützungsangebote?

Das können Hilfestellungen für Patienten im Alltag oder Informationen zum Umgang mit der Erkrankung sein. Aber auch therapiebegleitende Maßnahmen oder Unterstützungsprogramme für Ärzte. Wir haben zum Beispiel festgestellt, dass die Mehrzahl der Patienten mit Schuppenflechte von ausgewogener Ernährung und mehr Bewegung profitieren würde. Mit diesem Wissen haben wir eine Online-Plattform entwickelt, die sie dabei unterstützt, gesünder zu leben – den BeWegbereiter. Beim Thema HIV ist uns aufgefallen, dass es zwar viele Informationen gibt, Patienten oder Interessierte aber Schwierigkeiten haben, auf ihre konkreten, ganz individuellen Fragen umfassende Antworten zu bekommen. Deshalb haben wir ein Onlineportal ins Leben gerufen, dass hier Abhilfe schafft – My Micromacro. Die Nutzerzahlen zeigen, dass unser Angebot gebraucht wird. Solche Angebote, die sich ganz konkret am Bedarf der Patienten orientieren, nützen allen Beteiligten: Ärzte und Patienten können die Therapie noch wirksamer gestalten. Dadurch können unsere Medikamente optimal wirken. Auch die Krankenkassen profitieren, wenn die Versicherten mit zusätzlichen Angeboten in ihrer Behandlung unterstützt werden. Letztlich ist aber wichtig, was dabei herauskommt: Spürbar mehr Lebensqualität für den Patienten.

 

Nun sind Sie aber nicht die Wohlfahrt, sondern ein Wirtschaftsunternehmen, das nach Gewinn und Wachstum strebt. Wie passt das mit dem Engagement für die Patientenzentrierung zusammen?

Das ist kein Widerspruch, sondern geht miteinander Hand in Hand.  Wie jedes Spitzenunternehmen wollen wir für unsere Kunden kein Mittelmaß, sondern allerhöchste Produktqualität und maximale Kundenzufriedenheit. Dafür sorgen wir einerseits mit Spitzenforschung in unseren Therapiegebieten. Aber das beste Medikament kann nicht optimal wirken, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen, wenn Informationen fehlen, Behandlungspfade im Sande verlaufen, Patienten allein gelassen werden. Deswegen engagieren wir uns auch dafür, diese Lücken zu schließen. Wenn uns das gelingt und Patienten und ihre Angehörigen rundum gut versorgt und gut aufgehoben sind, wirkt sich das auch positiv auf unser Unternehmen aus. Und das wiederum stellt sicher, dass wir in die Innovationen von morgen investieren können.